Ivan Dimov: Eyes Wide Open
Das Sehen spielt bei einem Bildenden Künstler eine herausragende Rolle. Und zwar nicht nur der Blick nach außen, sondern auch der nach innen. Beide Blickrichtungen sind wichtig, keine aber wichtiger als die andere. Sie bedingen einander und die eine ist ohne die andere nicht möglich.
Wie alles andere auch, kann man das Sehen trainieren. Es verlangt Konzentration und psychische Energie, um wirklich sehen zu können. Natürlich sehen wir jederzeit, sobald wir die Augen geöffnet haben, es lässt sich ja nicht vermeiden. Aber ich rede hier nicht von jener Wahrnehmung, die uns davor schützen soll, vor den nächsten Laternenmast zu rennen, sondern von jenem Sehen, das uns überwältigen kann, weil es etwas mit Erkennen zu tun hat. Kindern ist diese Fähigkeit anfangs noch gegeben, solange, bis wir sie ihnen erfolgreich abgenommen haben, weil wir sie “erziehen” mussten. (Dagegen sage ich nichts, ich möchte auch nicht, dass mein Sohn einfach in das nächste Auto rennt, nur weil er die Wolkenformationen am Himmel so wunderschön findet.) Und dennoch müssen wir genau dorthin zurückkehren, wo wir als Kinder so mühelos verweilten. Kinder entdecken immer und überall etwas, das sie in irgendeiner Weise aufregt. Gefährliches, Lustiges, Seltsames, Verblüffendes. Dinge, die wir nicht sehen und falls doch, nicht erkennen. Uns ist die Lust am Sehen vergangen.
Natürlich sehen wir anders, wenn wir z.B. in der Malschule vor der Staffelei stehen. Wir sehen genau hin, versuchen unseren Blick auch nach innen zu richten, um ihn dann wieder nach außen zu projizieren. Klar! Aber gelingt uns dies auch im Alltag? Selten.
Bis gar nicht.
Kultivieren wir also mal bewusst unser Potenzial der Sehfähigkeit. Gehen wir in des Wortes Sinne mit offenen Augen durch die Welt. Sehen wir einmal hin! Dabei ist es sinnvoll, ich weiß, ich wiederhole mich, aber ich will es dennoch nicht unerwähnt lassen, nicht zu werten, was wir sehen, sondern einmal nur zu versuchen, das Schöne darin zu entdecken und zwar in allem, auch im “Hässlichen”. Der Schriftsteller Vladimir Nabokov war so ein Mensch bzw. so ein Schriftsteller. Er hat die Welt ästhetisiert. Selbst in den Ausscheidungen der Nase (“flüssige Jade“) konnte er noch das Wunderbare sehen. Oder nennen wir es das Ergreifende. Er war gar in der Lage, Buchstaben als Farben wahrzunehmen. Eine besondere synästhetische Fähigkeit. Ich stelle mir dabei immer vor, dass er, während er eigentlich ein Buch schrieb, gleichzeitig ein farbenprächtiges Gemälde malte.
Es geht hier darum das zu sehen, was uns berührt, aufwühlt und anregt. Und das wartet an jeder Ecke. Zunächst nehmen wir es in uns auf, zunächst bemerken wir es hoffentlich überhaupt. Dann durchläuft es unseren persönlichen Filter. Denn, egal, wie unvoreingenommen wir die Dinge sehen (möchten), sie werden von uns interpretiert. Und genau das ist es dann, was unsere Kunst prägt. Ich erinnere mich an eine Anekdote über seltsame Wahrnehmung: Gerade war der neue Batman-Film erschienen und überall hingen Plakate mit dem schwarzen Fledermaus-Symbol auf goldenem Hintergrund. Irgendwann kam meine Frau zu mir und fragte mich, warum zum Teufel diese dämlichen Nagezähne, oder was immer es sein soll, als Symbol für den Batman-Film gewählt worden war. Ich brauchte eine ganze Weile, um zu verstehen, wovon sie sprach. Und dann ging mir ein Licht auf. Sie sah das Schwarze als Hintergrund und das Goldene als Vordergrund.
Tja…
Eine komplett andere Sichtweise. Falsch? Richtig? In jedem Fall anders.
Unvoreingenommenheit ist gut, wenn es darum geht, aufzunehmen, aber danach soll das Gesehene sogar von euch geformt werden. Das ist es letztlich, was die Originalität eines Künstlers ausmacht. Ein Stück weit ist das sogar Teil des Jobs. Wann, wenn nicht im Museum, in der Galerie etc., bleiben Menschen vor etwas solange stehen, um es zu betrachten? Um es zu sehen?
Wir sehen für sie mit. Wir entdecken für sie mit. Gewöhnliche Anblicke können so erhebend werden.
Also – trainiert euren Sehmuskel, wo und wann immer ihr könnt! Aber passt bitte auf, dass ihr nicht überfahren werdet!
Bis bald in der Malschule — Ivan
Kölner Malschule in Facebook
Hallo Iwan! Wie ich dir schon gestern in der malschule gesagt habe meine ich das ich bewusster viele Dinge betrachte,seitdem ich male.Ich denke man kann sein Gehirn und dadurch auch die Augen trainieren um wieder mehr das Wesentliche zu sehen.Leider haben wir als Erwachsene verlernt viele Dinge wahrzunehmen.Ich stelle das immer wieder fest wenn ich mit meinem zweijährigen Enkelkind ein Bilderuch betrachte und er zeigt mir Dinge die ich überhaupt nicht mehr wahrgenommen habe. Aber wie ich schon erwähnte hat sich mein “Sehen” doch in den letzten Jahren wieder mehr intensiert und ich muss jetzt auch aufpassen beim Autofahren, dass ich mir zum Beispiel nicht zu lange angucke, das könnte ja vielleicht auch gefährlich werden für andere Autofahrer, mich oder mein Auto. Also Alles zu seiner Zeit. Viele Grüsse Bis Nächsten Montag inder Malschule Renate L.