Ivan Dimov: Von Giraffen, Wölfen und großen Herzen
Meine Frau ist ein umtriebiger Mensch und kann sich innerhalb kürzester Zeit für verschiedene Dinge begeistern, denen sie auf ihren Streifzügen begegnet. Manchmal schlägt diese Begeisterung derartig hohe Wellen, dass ich genötigt bin, mich auch mit ihnen auseinanderzusetzen.
Dieses Mal ist es die Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg. Ich gebe zu, sie ist außerordentlich faszinierend. Ich möchte sie an dieser Stelle einmal kurz skizzieren, ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben:
Rosenberg sagt, dass die meisten von uns Menschen mit der so genannten Wolfssprache aufgewachsen sind. Das heißt, wir haben gelernt, unsere Bedürfnisse so gut es geht zu verstecken, anstatt sie offen und frei zu äußern. Die Gründe dafür sind vielfältig, aber an dieser Stelle nicht weiter interessant. Die Art und Weise, wie wir unsere unterdrückten Bedürfnisse zum Ausdruck bringen, mögen uns alle nur zu bekannt sein, ich zähle mal ein paar auf:
Wir kritisieren (das ist falsch…); wir belohnen (wenn du das schaffst, dann…); wir analysieren (wenn du das beachtest hättest, dann…); wir interpretieren (du machst das, weil…), wir strafen und drohen (wenn du das nicht machst, dann…); wir leugnen die Verantwortung (mein Chef hat aber gesagt, dass…); wir manipulieren durch Lob, Kritik, Drohung; wir bewerten (das hast du gut/ schlecht, richtig/falsch gemacht); wir suchen nach dem Schuldigen (das ist schief gelaufen, weil…); sich im Recht fühlen; ironisch-herablassende Bemerkungen; verletzende Äußerungen.
Kommt euch sicher bekannt vor. Mir auch.
Wenn wir so kommunizieren, fühlt sich unser Gegenüber angegriffen und hat nur die Möglichkeit, sich entweder zurückzuziehen oder zum Gegenangriff überzugehen. Das, so sagt Rosenberg, muss er tun, um sein positives Selbstwertgefühl aufrecht zu erhalten. Was daraus also folgt, ist entweder ein Abkapseln oder ein Bombardement. All diese Äußerungen stehen aber eigentlich für unterdrückte Wünsche, Gefühle und Bedürfnisse.
Und jetzt?
Rosenberg postuliert stattdessen die sogenannte Sprache des Herzens, auch Giraffensprache genannt (weil das die Landtiere mit dem größten Herzen sind). Dazu ist es erst mal ganz wichtig, die Verantwortung für die eigenen Bedürfnisse zu übernehmen. Das heißt, sie und die eigenen Gefühle zu erkennen und dann auch zu formulieren, ohne seinen Gegenüber zu attackieren, wobei es sehr wichtig ist, den anderen nur zu beobachten, OHNE zu interpretieren oder zu bewerten.
Ein Beispiel:
Anstatt zu sagen “Du rufst mich ja auch nie zurück und überhaupt bist du in letzter Zeit wohl mit Besserem beschäftigt”, könnte man sagen “Ich hab dich lieb und vermisse dich. Ich würde dich gerne wieder öfter sehen. In letzter Zeit hast du viel um die Ohren, oder?”
Überlegt mal, wie unterschiedlich ihr auf die beiden Sätze reagieren würdet. Natürlich ist das nicht immer leicht, besonders, wenn einem ein Mensch nahe steht und schon begonnen hat mit der Attacke. Aber ein Versuch ist es allemal wert. Interessant ist es, zu merken, wie oft wir den Kontakt zu uns selbst verloren haben und wie selbstverständlich wir die Handlungen anderer in unserem Sinne interpretieren, obwohl wir überhaupt nicht wissen können, was in ihm vorgeht.
Rosenberg warnt vor allem davor, moralische Werturteile über andere zu fällen, um ihnen vorurteilsfrei begegnen zu können. Unter moralischem Urteil versteht er, dass wir alle diversen Werten anhängen, von denen wir glauben, dass sie die Welt zu einem besseren Miteinander führen. Z.B. Friede, Ehrlichkeit, Treue usw. Wenn nun ein Mensch Dinge tut, die nicht diesem unseren Wertekatalog entsprechen, dann verurteilen wir ihn moralisch als schlecht, falsch, unfähig usw. Wir tun das, weil wir automatisch glauben, dass wir wissen, was richtig ist. Wir erheben uns also über ihn. Genau diese Bewertung aber ist es, die uns davon abhält, wirklich Kontakt zum anderen aufzunehmen und ihm respektvoll und einfühlsam zu begegnen.
Das alles hört sich wunderbar an. Und verdammt schwierig. Aber ich glaube, dass es eine schöne und sinnvolle Herangehensweise zur eigenen Kreativität ist, die ja immer damit zu tun hat, die eigene Stimme zu finden. Und dafür müssen wir in den Kontakt mit uns selbst treten (und auch mit anderen). Je ehrlicher, aufrichtiger und verantwortungsbewusster wir das tun, umso intensiver wird dieser Kontakt und umso überbordender unsere Kreativität.
Was haltet ihr davon, einmal einen solchen Versuch zu starten? Beginnen wir in der Malschule und führen ihn dann fort. In unserem Privatleben, unserem Geschäftsleben und überhaupt. Sprechen wir ab jetzt giraffisch! Und dann sehen wir, ob und wie sich das auf unser Gefühlsleben und natürlich auf unsere Kreativität auswirkt.
Bis bald in der Malschule — Ivan, der Herzensmann.
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